Gürzenich-Orchester am Montag
8 ausgewählte Konzerte des Gürzenich-Orchesters, immer montags um 20:00 Uhr in der Philharmonie
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Senja Rummukainen, Violoncello
Sakari Oramo, Dirigent
Jean Sibelius (1865-1957)
Finlandia
Sinfonische Dichtung op. 26
Nach jahrhundertelanger schwedischer Herkunft verwandelte sich Finnland 1809 in ein russisches Großfürstentum, dem zunächst eine gewisse Autonomie zuerkannt wurde. Gegen Ende des Jahrhunderts aber liquidierte Zar Nikolaus II diese Sonderrechte, zumal durch die Vertragsbrüche in seinem Februar-Manifest von 1899, auf das die Finnen mit passivem Widerstand reagierten. Gerade im kulturellen Bereich verstärkte sich jetzt die national-romantische Bewegung, die sich auch in patriotischen Veranstaltungen artikulierte. So wurden im November 1899 unter der unverfänglichen Bezeichnung "Feste für den Pensionsfond der Journalisten" in Helsinki abgehalten, die inhaltlich auf der Linie der finnischen Unabhängigkeitsbestrebungen lagen. Als Höhepunkt zeigte man im schwedischen Theater "sechs lebende Bilder aus der Vergangenheit und Mythologie Finnlands". Dazu hatte Sibelius eine Ouvertüre, dann weiter zu jedem Bild ein Vorspiel und zu den jeweiligen Texten Begleitmusiken geschrieben - sowie ein fulminantes Abschlussstück, das an der Stelle der Nationalhymne erklang: die Tondichtung "Finlandia", wie der Komponist sie ein Jahr später (nach Umarbeitung und separater Veröffentlichung) nannte. Vorübergehend von den Behörden des zaristischen Russland verboten, konnte das Stück nur im Ausland gespielt werden.
Das Werk ist ein programmatisches Stück, in dem der kämpferische Nationalstolz der Finnen mit ihrem Streben nach Unabhängigkeit auf eine wirksame musikalische Formel gebracht ist: Gleich zu Beginn setzt ein trotziger Blechbläserchoral mit einem absteigenden kleinen Sekundmotiv ein, das das ganze Stück durchzieht. Nach einer daran anschließenden, verhaltenen f-Moll-Episode für Holz und Streicher eröffnen Blechbläserfanfaren - über dumpf grollenden Pauken, Celli und Kontrabässen - das "Allegro assai", das kräftig erregt und schwungvoll so etwas wie Kampfgetümmel andeutet. Mit der endgültigen Wendung zur Paralleltonart As-Dur erhebt sich im folgenden "Allegro"-Teil eine mit Fanfaren-Motivik verwandte Melodie, die immer wieder um den Zentralton C kreist. Obwohl "Finlandia" durchkomponiert ist, lässt sich dann ein zweiter größerer Abschnitt dort erkennen, wo der so populär gewordene Hymnus - eine schlichte, folkloristisch stilisierte Holzbläsermelodie - ebenfalls in As-Dur einsetzt. Bevor das Werk mit siegreich gestimmten, hymnischen Fanfarenklängen endet, wird noch einmal das gesamte Material der Tondichtung zu einem Höhepunkt geführt.
AntonÃn Dvorák (1841-1904)
Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104
AntonÃn Dvorák gilt neben dem um eine knappe Generation älteren Bedrich Smetana als der wichtigste Vertreter einer tschechischen Nationalmusik im 19. Jahrhundert. Dvorák wurde 1841 in Nelahozeves geboren, einem kleinen an der Moldau gelegenen Dorf nördlich von Prag. Der Vater war Metzger und führte außerdem die örtliche Gastwirtschaft. Als guter Zitherspieler sorgte er gleichzeitig für die Unterhaltung seiner Gäste. Dass AntonÃn, der älteste Sohn der Familie, Metzger werden sollte, stand außer Frage. Dass er frühzeitig musikalisches Talent bewies, in der Dorfkirche Geige und bald auch Orgel spielte, konnte den geschäftlichen Interessen der Eltern nur förderlich sein. So kam es, dass der junge Dvorák zunächst einmal eine Metzgerlehre absolvierte und mit der Gesellenprüfung abschloss, bevor er sich ganz der Musik widmen konnte. Nach einer zweijährigen Ausbildung an der Prager Orgelschule erhielt er das Abschlussdiplom und fand in Prag Unterkommen bei Verwandten. Seinen Unterhalt verdiente er als Mitglied einer Musikkapelle, die hauptsächlich Unterhaltungs- und Tanzmusik spielte. Mit der ganzen Kapelle wechselte Dvorák nach einiger Zeit zum Prager Interimstheater, spielte dort zwölf Jahre die erste Bratsche und lernte dabei die damals gängige Opern- und Konzertliteratur kennen. Auch die Uraufführung der "Verkauften Braut" erlebte Dvorák als Bratscher im Orchestergraben. Seit 1862 komponierte er Kammermusik, Opern, Kantaten und Sinfonien. Seit Ende der siebziger Jahre geschah dies mit zunehmendem äußerem Erfolg, der es ihm sogar erlaubte, sich ein Sommerhaus in Südböhmen zu kaufen, in dem er mit seiner Familie die Sommermonate zu verbringen pflegte. Seit 1891 wirkte Dvorák als Kompositionslehrer am Prager Konservatorium. Im gleichen Jahr erhielt er sowohl von der tschechischen Universität Prag wie auch von der Universität Cambridge die Würde eines Ehrendoktors verliehen. Von 1892 bis 1895 weilte Dvorák als Direktor des New Yorker Konservatoriums in den Vereinigten Staaten und komponierte dort unter anderem seine berühmteste Sinfonie "Aus der neuen Welt". Während der Proben zu seiner letzten Oper "Armida" erkrankte Dvorák. Am 1. Mai 1904 starb er in seiner Prager Wohnung an einem Gehirnschlag und wurde vier Tage später unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in einem Ehrengrab auf dem Prager Vysehrad-Friedhof hoch über der Moldau beigesetzt.
Innerhalb relativ kurzer Zeit, im Winter 1894/95, entstand Dvoráks letztes großes Werk, das Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104, das der Komponist während seines dreijährigen Amerika-Aufenthaltes schuf. Im April 1895 kehrte Dvorák in seine böhmische Heimat zurück und im Sommer arbeitete er den Finalsatz noch einmal einschneidend um, aber erst im Frühjahr 1896 war die Uraufführung mit dem Orchester der Philharmonic Society unter der Leitung von Dvorák. Das Konzert ist Dvoráks Freund, dem Cellisten des Böhmischen Streichquartetts, Hanus Wihan gewidmet; doch durch Wihans Wunsch, ins Finale eine große Solokadenz einzubauen, wurde diese Freundschaft getrübt, und so spielte der englische Cellist Leo Stern die Uraufführung in London und auch die ersten Aufführungen in Prag. Dvorák hat das Violoncello eigentlich nie besonders geschätzt (trotz eines recht langatmigen und überladenen Jugendkonzerts und zweier kleiner konzertanter Werke): "Oben näselt es, unten brummt es", behauptete er und sah den dem Instrument angemessenen Platz in der Kammermusik.
Das Konzert orientiert sich an der traditionellen Dreisätzigkeit: Auf einen Sonatensatz folgt ein dreiteiliger Mittelsatz und ein Rondo-Elemente verwendendes Finale. Zwei Dinge sind bemerkenswert: Zum einen ist es Dvorák gelungen, das groß besetzte Instrumentarium des romantischen Orchesters so differenziert und "obligat" zu verwenden, dass der Celloklang nie übertönt wird; zum anderen fehlen im Solopart alle nur virtuos-wirkungsvollen Partien; auch die spieltechnisch höchst anspruchsvollen Passagen in höchster Lage oder heikle Doppelgriffübergänge sind stets aus dem motivischen Material entwickelt und haben entwickelnde Funktion innerhalb des Satzganzen. Nicht ohne Berechtigung hat man das Konzert vielfach als Dvoráks zehnte Sinfonie bezeichnet. Unüberhörbar ist der "böhmische Ton" des gesamten Werkes; der Komponist weilte in Gedanken bereits wieder zu Hause: "Nun beende ich bereits das Finale des Violoncellokonzerts. Könnte ich so sorglos arbeiten wie in Vysoká, wäre ich schon längst fertig. Aber hier geht es nicht." Faszinierend ist es, wie Dvorák mit dem thematischen Material umgeht. Sein musikalischer Erbe Leos Janácek bemerkt dazu: "Er begnügt sich in der Regel nicht mit dem klaren, interessanten harmonischen Fundament eines Motives: es treten hier gleichzeitig zwei, drei bis fünf markante Motive auf [ ... ]. Und was das Wichtigste ist: Dvorák führt eine solche Figur in einer Stimme nicht bis zum Überdruß durch; kaum hast du sie kennengelernt, schon winkt dir freundlich die zweite."
Carl Nielsen (1865-1931)
Sinfonie Nr. 5 op. 50
Carl Nielsen wurde am 9. Juni 1865 auf der dänischen Insel Fünen geboren. Er erhielt ersten Geigenunterricht bei seinem Vater und einem lokalen Musiker. Schnell wurde sein Talent erkannt und er wurde nach Kopenhagen geschickt, wo der berühmte Komponist Niels W. Gade ihm empfahl, das Konservatorium zu besuchen. Im Dezember 1883 bestand Nielsen die Aufnahmeprüfung und studierte drei Jahre lang Violine und Komposition. 1889 erhielt er eine Anstellung als Violinist am Königlichen Theater Kopenhagen, dem er viele Jahre angehörte. In den Jahren 1890/91 folgten Reisen nach Berlin und Paris, 1903 nach Griechenland. Zwei Jahre später kündigte Nielsen seine Orchesterstelle und konzentrierte sich von nun an auf das Komponieren und vermehrt auch auf das Dirigieren. So wirkte er als Dirigent von 1906 bis 1914 am Königlichen Theater, danach beim Musikverein Musikforeningen. Auch in Schweden und Nordeuropa feierte er als Dirigent große Erfolge. Ab 1916 war er Mitglied des Verwaltungsrates des Kopenhagener Konservatoriums und wurde später dessen Vorsitzender. Am 3. Oktober 1931 starb Carl Nielsen in Kopenhagen an Herzversagen.
In Dänemark nimmt Carl Nielsen einen demjenigen von Jean Sibelius in Finnland vergleichbaren Rang ein; denn Nielsen ist (von dem Romantiker Niels W. Gade vielleicht abgesehen) der einzige dänische Komponist, dessen Werke Aufnahme ins internationale Repertoire gefunden haben. Sechs Sinfonien bilden den äußeren Rahmen seines Gesamtwerkes und spiegeln seine musikalische Entwicklung deutlich wider. "Ich bin - oder besser - ich war ein Zankapfel ... aber das kam daher, daß ich gegen das typisch dänische Sanfte, Glättende protestieren wollte. Ich will kräftigere Rhythmen und avancierte Harmonik". Mit diesen Worten umriss Carl Nielsen schon die Form und Kompositionstechnik seiner 1911 vollendeten dritten Sinfonie. Tatsächlich war sie ein entscheidender Schritt auf seinem Weg zum Bruch oder zumindest zur Loslösung von der Tradition der Sinfonie.
Und diesen Bruch mit der Tradition, der sich in der dritten ankündigt, vollzieht Nieseln definitiv mit der 1921/22 komponierten einsätzigen Sinfonie Nr. 5, die wohl sein persönlichstes Werk ist. Erstmals gibt er das viersätzige klassische Schema auf - sie ist in zwei Abteilungen organisiert, von denen die erste ("Tempo giusto, Adagio") durchaus als Exposition zur zweiten ("Presto, Andante poco tranquillo", "Allegro") sich verhält. Dies ist wohl ein Reflex darauf, dass Form stets zu entwickeln sei, dass sie eine andere sein musste nach der Weltkriegs-Katastrophe, in der eine Welt zerbrach, aus deren Trümmern eine neue erst erwachsen musste. Möglich ist auch, dass Nielsen hier den "sozialen" Konflikt zwischen Barbarei und Zivilisation thematisiert, wie Paul Hamburger meinte.
Tatsache ist, dass der am Schluss seiner vierten Sinfonie von den zwei tonartlich völlig entgegen gesetzten, rücksichtslos dröhnenden Paukenpaaren aufgerissene Konflikt zum bestimmenden Moment der Fünften wird. Denn erst gegen Ende finden die beiden Sätze oder Abteilungen zu klarer tonartlicher Fixierung, zuvor jedoch gestiert die sinfonische Entwicklung über weite Strecken im haltlos Vagen. Der Gestus wird mit den ersten Takten des Kopfsatzes offenbar: Kein Tuttischlag eröffnet das Werk, sondern ein mysteriöses, langsam oszillierendes Kleinterzmotiv, das fast den gesamten ersten Teil beherrscht. Fallende Holzbläserlinien, signalartige Motive, die sich nicht zu einem "Thema" formen, Tonrepetitionen, alles bleibt nur angedeutet und gipfelt nach einem gesangsvollen "Adagio"-Abschnitt in einer fast collageartigen Passage, in der sich grelle Holzbläserfiguren, tiefe Streicher und ein Blechbläsersatz in völlig anderer Tonalität sowie schließlich eine rücksichtslos im eigenen Tempo losdreschende kleine Trommel überlagern. Diese dröhnende Trommel und die als "Kakophonie" empfundene Musik lösten bei einer Aufführung in Stockholm 1924 Tumulte und Saalfluchten aus. Die zweite Abteilung gliedert sich in vier Abschnitte, wobei nunmehr die Quarte das konstruktive Gerüst bildet. Nach dem Ungestüm des ersten Abschnitts, das etwas gewaltsamen Jubel suggeriert, folgt ein breiter "Adagio"-Teil mit ausdrucksvollem Thema, der von einer Presto dahineilenden, wiederum von der Quarte beherrschten Fuge abgelöst wird. Sie mündet in ein ruhiges Fugato. Reprisenartig wird der Satzanfang repetiert, dann bringt eine letzte Steigerung den Durchbruch zu triumphalem Es-Dur. Die Uraufführung des Werkes am 24. Januar 1922 in Kopenhagen geriet zum Skandal. Aber: "Die Schockwirkung der Geräuschkomponente erregte zur Zeit der Uraufführung (1922) sicherlich mehr Aufmerksamkeit als heutzutage; eher dagegen wird mit der zeitlichen Distanz zur Entstehung der Umstand Beachtung finden, daß neben impressionistischen Klangflächen der gesamte spätromantische Orchesterapparat auch perkussiv genutzt ist, so daß am Ende Melodik, Harmonik und Rhythmik zu einer höheren Einheit verschmolzen sind." (Norbert Bolin)
Genre:
Konzert
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Dieses Werk ist in 4 Abos enthalten — übersichtlich nach Spielzeit.
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