Internationale Orchester I
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Inhalt: Mahler Academy Orchestra · Gewandhausorchester Leipzig · Chicago Symphony Orchestra · Royal Stockholm Philharmonic Orchestra · +1
Philipp von Steinaecker, Dirigent
Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 9 D-Dur (1909)
Gustav Mahler wurde als Sohn eines jüdischen Kaufmanns im böhmischen Kalischt geboren. Am Wiener Konservatorium konnte er nur studieren, weil sich ein Lehrer bereitfand, einen Teil der Studiengebühren zu übernehmen. Als Kapellmeister fand er in Leipzig und Budapest eine Anstellung. 1891 wurde er als erster Kapellmeister nach Hamburg berufen. Als Peter Tschaikowsky der deutschen Erstaufführung seiner Oper "Eugen Onegin" beiwohnte, feierte er Mahler als "einen Mann von Genie". 1897 errang Mahler für die Dauer von 10 Jahren die begehrte Stelle des Hofoperndirektors in Wien. Dort wurde er immer wieder wegen seiner künstlerischen Tätigkeit und seiner jüdischen Herkunft angefeindet. Dennoch leitete er die Hofoper mit großem Erfolg. 1907 legte Mahler, der andauernden Auseinandersetzungen müde, die Leitung nieder - auch um sich verstärkt seinem kompositorischen Schaffen widmen zu können. Doch noch im gleichen Jahr schloss er einen Vertrag mit der Metropolitan Opera in New York und begann am Neujahrstag des Jahres 1908 mit "Tristan und Isolde" seine Dirigententätigkeit in den Vereinigten Staaten. 1911 gab Mahler sein letztes Konzert in New York, wenige Monate vor seinem Tode und gezeichnet von einer Krankheit, deren Ausgang ihm wohl schon seit 1907 nicht mehr zweifelhaft war. So ist die letzte, 1910 begonnene zehnte Sinfonie beherrscht von der Stimmung des Abschieds, der Resignation und der Todeserwartung. Davon zeugen Klage und Trauer, deren Spuren sich in Gestalt von Ausrufen in den hinterlassenen Skizzen finden: "Erbarmen: O Gott, warum hast du mich verlassen!" oder "Der Teufel tanzt mit mir! Vernichte mich, daß ich vergesse, daß ich bin" und schließlich: "Leb wohl, mein Saitenspiel".
Religiöser Glaube, Weltanschauung und sinfonische Musik hängen bei Mahler wie bei kaum einem anderen Komponisten des 19. Jahrhunderts aufs engste zusammen. Mahler selbst verstand etliche seiner Werke als Ausdruck seiner Weltanschauung - eine "metaphysische Musik". Seine Sinfonien sind von dem Nimbus des Geheimnisvollen und Ungeheuerlichen umgeben. Der Komponist selber galt vielen als "Gottsucher", "Mystiker" und "sinfonierender Philosoph", dessen Schaffen mit schwerer metaphysischer Fracht beladen war. Und die berühmte "Neunzahl" der Sinfonien, über die Beethoven, Schubert, Bruckner und Dvorák nicht hinausgekommen waren, schreckte den herzkranken Mahler. Er fühlte eine fast heilige Scheu vor der Bezeichnung "Neunte Sinfonie": Durfte jemand nach Beethoven eine solche schreiben? Durch eine List suchte er sich dem zur Tradition gewordenen Verhängnis zu entziehen: Sein eigentlich neuntes sinfonisches Werk vom Sommer 1908 nannte er oratorienhaft "Das Lied von der Erde", obgleich es sich eindeutig um eine Sinfonie nach dem Formenschema des späten Mahlers handelt. Von düsterer Vorahnung getrieben, vermied Mahler die übliche Pause zwischen den großen Partituren und vollendete bereits in den Jahren 1909/10 die als Neunte deklarierte Sinfonie (chronologisch die Zehnte) und begann ein weiteres Werk, die Zehnte, von der zwei Sätze vollendet wurden. Mahler hat also zehn abgeschlossene sinfonische Partituren und einen Torso hinterlassen.
Die Partitur der neunten Sinfonie fällt entstehungsgeschichtlich zusammen mit Schönbergs frühen Klavierstücken, Bergs Streichquartett op. 3, mit der "Elektra" von Strauss und Strawinskys "Feuervogel". Das eilige Tempo des Fortschritts brachte es mit sich, dass die "Modernität" des späten Mahlers einem breiten Publikum kaum aufging; man war mit weit waghalsigeren Experimenten überhäuft. In der neunten Sinfonie hat Mahler alle Zwänge und Traditionen abgeschüttelt: Zwei langsame Sätze umklammern zwei scherzoartige Zwischenspiele. Auch die harmonische Bindung der Sätze ist aufgehoben. Die Sinfonie beginnt in D-Dur und endet in Des-Dur, die Mittelsätze stehen in C-Dur und Mahlers tragischem a-Moll. Verwandlung charakterisiert das Werk. Die Themen treten stets in veränderter Gestalt auf, in wechselnder Instrumentation, mit wechselndem Kontrapunkt. Die Musik scheint menschliches Schicksal zu erleiden: Sie geht durch die Stadien von Geburt, Wachstum, Reife, Konflikt und Auseinandersetzung bis zum Sterben hindurch. Adorno hat das so formuliert: "Die Stimmen fallen einander ins Wort, als wollten sie sich übertönen und überbieten, daher der unersättliche Ausdruck und das Sprachähnliche des Stückes. Die Themen sind weder aktiv noch passiv, sondern sprudeln, als ob die Musik während des Sprechens den Impuls zum Weitersprechen erst empfing."
"Andante comodo" steht über dem ersten Satz, aber das "comodo" bezieht sich nur auf das Zeitmaß, ansonsten ist er höchst unbequem. Er türmt die Themen im dramatischen Durchführungsteil übereinander, zerstückelt Melodien, lässt Zusammensinken auf Aufschwung folgen und umgekehrt; aber über allem liegt eine trostlose Stimmung. "Es stirbt eine Welt", sagte der Mahlerbiograph Paul Bekker, "ohne Bitterkeit, ohne Haß, doch nicht ohne Kampf". Als "eine tragisch erschütternde, edle Paraphrase des Abschiedsgefühls" empfand es Bruno Walter - "ein einzigartiges Schweben zwischen Abschiedswehmut und Ahnung des himmlischen Lichts (…) hebt den Satz in eine Atmosphäre höchster Verklärtheit". Der zweite Satz ist ein Ländler, "etwas täppisch und sehr derb", wie Mahler vorschreibt, aber er wächst über das Rustikale weit hinaus, wird manchmal parodistisch, oftmals ernst. Der dritte Satz trägt die Überschriften "Rondo - Burleske: Allegro assai. Sehr trotzig (alla breve)". Mahler scheint sich über jemanden lustig zu machen. Schneidender Hohn liegt in dieser Musik, er verletzt, kränkt, tut weh - doch man weiß nicht, gegen wen er sich richtet. Der letzte Satz ("Adagio: Sehr langsam und noch zurückhaltend") ist wie der erste von Todessehnsucht erfüllt. Doch die resignatorische Stimmung des Eröffnungssatzes wird nun ins Feierlich-Erhabene erhöht. Er erinnert stark an die "Götterdämmerung". Dieser Finalsatz gehört zum Überzeugendsten, was Mahler geschaffen hat. "Etwas von der Süße des Sterbens klingt in den inbrünstigen Melodien des Schluß-Adagios auf" (Bauer). Und Bruno Walter meinte: "Ein ruhevolles Lebewohl".
Genre:
Konzert
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