Kultur am Freitag
8 Abende mit festen Terminen in verschiedenen Spielstätten
Inhalt: Kalter weißer Mann · Hoffmanns Erzählungen · Das letzte Band · Swiss Orchestra · +4
Olga Scheps, Klavier
Lena-Lisa Wüstendörfer, Dirigentin
Robert Schumann (1810-1856)
Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 54
Schumanns Klavierkonzert entstand in mehreren Phasen. Der erste Satz wurde 1841 zunächst als eigenständige „Phantasie“ konzipiert; erst 1845 ergänzte Schumann zwei weitere Sätze und formte das Werk zum dreisätzigen Konzert. Die Uraufführung 1845 in Dresden spielte Clara Schumann, die maßgeblich an der praktischen Ausarbeitung des Klavierparts beteiligt war. Im Unterschied zum virtuosen Bravourkonzert der Zeit – etwa bei Liszt oder Thalberg – zielt Schumann nicht auf effektvolle Gegenüberstellung von Solist und Orchester. Bereits der Beginn unterläuft Erwartungshaltungen: Ein markanter Orchesterschlag führt unmittelbar zum leidenschaftlichen Einsatz des Klaviers, das jedoch nicht mit einer ausgedehnten Kadenz antwortet, sondern motivisches Material einführt, das im Dialog mit dem Orchester weiterentwickelt wird. Der erste Satz (Allegro affettuoso) verbindet Sonatenform mit zyklischen Bezügen. Charakteristisch ist die enge Verzahnung von Klavier und Orchester; thematische Keime werden wechselseitig aufgegriffen und transformiert. Virtuosität ist vorhanden, jedoch funktional eingebunden. Der zweite Satz (Intermezzo. Andantino grazioso) steht in F-Dur und besitzt kammermusikalischen Charakter. Die Besetzung ist reduziert, die Interaktion zwischen Klavier und Solobläsern wirkt dialogisch-intim. Der Übergang zum Finale erfolgt ohne Unterbrechung. Das abschließende Allegro vivace führt zu einer rhythmisch markanten, tänzerischen Bewegung in A-Dur. Auch hier bleibt die Balance zwischen solistischem Glanz und struktureller Integration
gewahrt. Insgesamt verschiebt Schumann das Gewicht vom äußerlichen Virtuosentum zur motivischen Durchdringung – ein Ansatz, der für spätere romantische Konzerte prägend wurde.
Text Sebastian Jacobs
Johannes Brahms (1833-1897)
Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 68 (1862-1877)
Der gebürtige Hamburger erhielt den ersten Musikunterricht von seinem Vater. Stundengeben, Bearbeitungen von Tanzmusik und Klavierspiel in Theatern verschafften ihm seinen ersten Verdienst. Kein Geringerer als Robert Schumann machte 1853 die musikinteressierte Welt in einem enthusiastischen Artikel in seiner "Neuen Zeitschrift für Musik" auf die Bedeutung des jungen damals noch wenig bekannten Komponisten aufmerksam. "Ich dachte, [ ... ] es würde [ ... ] einmal plötzlich Einer erscheinen, der den höchsten Ausdruck der Zeit in idealer Weise auszusprechen berufen wäre, einer, der uns die Meisterschaft nicht in stufenweiser Entfaltung brächte, sondern, wie Minerva, gleich vollkommen gepanzert aus dem Haupte des Kronion spränge. Und er ist gekommen, .... Er heißt Johannes Brahms." Brahms Begegnungen mit dem Geiger Joseph Joachim, Clara und Robert Schumann, Franz Liszt und dem Dirigenten Hans von Bülow führten in den 50er Jahren zu wichtigen kompositorischen Befruchtungen und sich stetig ausbreitendem Ruhm. Nach einigen Jahren als Hofmusikdirektor in Detmold übersiedelte er 1864 nach Wien, wo er sich 1869 endgültig niederließ und trotz mehrerer öffentlicher Funktionen vorwiegend vom Komponieren lebte. Von den musiktheoretischen Richtungskämpfen, in denen er, ohne es zu wollen, das "Haupt" einer angeblich konservativen Partei verkörperte, versuchte er sich fernzuhalten. Bis ins hohe Alter, das ihm viele Ehrungen brachte, beschäftigte er sich intensiv mit der Musikgeschichte bis zurück in die Renaissance und blieb gleichzeitig den musikalischen Entwicklungen seiner Zeit zutiefst verbunden. Brahms' Schaffen umfasst die große symphonische Musik, Kammermusik in vielfältiger Variation der Formen und Instrumente sowie Vokalmusik für Chöre und Solostimme.
Brahms Weg zur Symphonik war lang und beschwerlich. Unter dem Eindruck einer Aufführung von Beethovens Neunter hatte er schon früh einen ersten wenig glücklichen Versuch gestartet, der schließlich zum Kopfsatz seines Klavierkonzerts op. 15 umgearbeitet wurde. 1858 war erneut ein Plan entstanden, eine dreisätzige Serenade für Oktett in eine Symphonie zu verwandeln. Doch immer wieder scheiterten die Vorhaben an der selbstkritischen, skrupulösen Forderung, nach Beethoven müsse man Symphonien schreiben, die "ganz anders aussehen". Die Komposition seiner ersten von insgesamt vier Symphonien hat Brahms - mit einigen Unterbrechungen allerdings - dann auch rund fünfzehn Jahre lang beschäftigt. Nach Vollendung des ersten Satzes gab Brahms seinem Freund Joachim noch zu bedenken: "Hinter Sinfonie von J. B. magst du einstweilen ein ? setzen". Gleichzeitig befürchtete er, er werde "nie eine Symphonie komponieren, habe man doch keinen Begriff davon, wie es unsereinem zu Mute ist, wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren hört." In immer neuen Anläufen und in ständiger Auseinandersetzung mit dem schier übermächtigen Vorbild Beethovens schrieb Brahms dann schließlich im September 1876 das Datum und seinen Namen unter das abgeschlossene Werk. Der Uraufführung des von der Musikwelt so lange erwarteten Werkes am 4. November 1876 in Karlsruhe war ein außerordentlicher Erfolg beschieden. Innerhalb kürzester Zeit folgten Aufführungen in Mannheim, München, Wien, Leipzig und Breslau; ihr Erfolg machte Brahms für die Zeitgenossen zum legitimen Nachfolger Beethovens. So bezeichnete der für seine geistreichen Bonmots berühmte Hans von Bülow diese Symphonie von Brahms pointiert als Beethovens "Zehnte". Brahms orientiert sich zunächst vor allem an Beethovens mittlerer Schaffensperiode und hier wiederum vornehmlich an der fünften Symphonie. Anlage, Dramatik und Pathos beider Werke ähneln einander.
Die Konzeption ist auf ein sich steigerndes Entwicklungsprinzip angelegt, das in seinen einzelnen Formteilen häufig nicht mehr klar umgrenzt werden kann und im Finale seinen Höhepunkt erlebt. Wie Beethoven entwickelt Brahms den ganzen ersten Satz ("Un poco sostenuto - Allegro non troppo") aus einem knappen Motiv, das wie ein Motto auch das weitere Werk bestimmt. Denn die c-Moll-Einleitung enthält im Keim bereits das gesamte thematische Material der Symphonie: Sie gründet auf einer in Halbtonschritten aufsteigenden Violinenfigur, die von chromatisch absteigenden Bläsern und einem Orgelpunkt in Pauken und Bässen begleitet wird. Aus dieser Bewegung entwickelt Brahms dann im "Allegro" seine beiden Hauptthemen, verlegt die thematische Arbeit also bereits in die Exposition, während die eigentliche Durchführung eher wieder vereinfacht zu geschlossenen Themen findet. Erst die Reprise nimmt die Steigerung wieder auf, die auf ihrem Höhepunkt abrupt abbricht und in einer C-Dur-Coda ausklingt. - Die thematische Substanz des Kopfsatzes trägt auch die beiden Mittelsätze ("Andante sostenuto" und "Un poco allegretto et grazioso"), ja selbst noch die langsame Einleitung zum Finale ("Adagio - Più andante - Allegro non troppo, ma con brio"). Dann aber geschieht das bis dahin Unerhörte, dass der Finalsatz eine dem Bisherigen entgegen gesetzte musikalische Welt aufbaut, und zwar zunächst auf der Grundlage eines Hornmotivs als erster melodisch geschlossener Gestalt des Werkes, die auf einer Alphornmelodie basiert, dann in Form eines eingeschobenen Choralsegments und schließlich in jenem Streicherhymnus, dessen Ähnlichkeit mit dem Finale von Beethovens neunter Symphonie so offenkundig ist.
Text: Heidi Rogge
Genre:
Konzert
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