Inhalt
Cornelius Meister, Dirigent
Sergej Rachmaninow (1873-1943)
Symphonic Dances op. 45 (1940)
Der russische Komponist und Pianist Rachmaninow entstammte einer musikalischen Familie, die ihm schon früh qualifizierten Instrumentalunterricht ermöglichte. Von 1882 bis 1885 studierte er am Petersburger Konservatorium, von dem er aber schließlich nach Moskau wechselte, wo er sein Studium der Komposition und als Konzertpianist abschloss. Als Pianist wurde er dann auch schnell in Russland bekannt und erhielt eine Anstellung als Klavierlehrer am Martynow-Institut in Moskau, wo er später auch als Dirigent tätig war. Während die Aufführung seiner ersten Sinfonie ohne große Resonanz blieb, hatte eine Aufführung mit anderen eigenen Kompositionen in London einen durchschlagenden Erfolg. Von 1904 bis 1906 dirigierte Rachmaninow am Bolshoi-Theater in Moskau, von 1906 bis 1909 lebte er in Dresden. 1909 unternahm er eine erste Konzertreise in die USA. Nach der russischen Revolution 1917 verließ Rachmaninow seine Heimat, lebte zunächst einige Zeit in der Schweiz am Vierwaldstädter See, bevor er 1935 endgültig in die Vereinigten Staaten übersiedelte. Kurz vor seinem Tod erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft.
Noch rechtzeitig vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wieder in die USA gelangt, schrieb Rachmaninow 1940 in der Sommerpause zwischen anstrengenden Tourneen sein letztes Werk: die "Sinfonischen Tänze" op. 45. Der Plan zu einem Tanzzyklus existierte seit langem. Die erfreuliche Zusammenarbeit mit dem Tänzer Michail Fokin (Choreographie der "Paganini-Rhapsodie", London 1939) vermittelte zusätzliche Impulse. Ein erster konkreter Plan sah vor: "Fantastische Tänze" mit den Teilen "Mittag, Dämmerung, Mitternacht". Unversehens bevölkerte sich die rasch entstehende Partitur mit zahlreichen Reminiszenzen. Der erste Satz ("Non Allegro"), der mit einem langsamen russischen Thema beginnt, das von leidenschaftlichen Volkstanzrhythmen abgelöst wird, endet mit drei Einsätzen des Hauptthemas aus dem Kopfsatz der ersten Sinfonie. Satz 2 ("Andante con moto - Tempo di Valse"), ein melancholisch-makabrer Walzer, beschwört russische Liedweisen. Er wird von elegischen Oboen und Klarinetten eingeleitet und bringt dann eine nachdenkliche Kantilene des Saxophons. Der zweite Teil besteht aus einem sinfonisch stilisierten Konzertwalzer. Der abschließende dritte Satz ("Lento assai. Allegro vivace. Lento assai come prima") - im Charakter eines sinfonischen Finalsatzes - ist besonders bedeutungsvoll, da er das bei Rachmaninow so häufig gegenwärtige ‚Dies irae'-Motiv in zwingender Weise umwandelt in jenen ‚Alleluia'-Hymnus der Auferstehungsliturgie, den der Komponist schon in seine Vesperliturgie op. 37 von 1915 einbezogen hatte. Der Dirigentenfreund Eugene Ormandy brachte dieses beziehungsreiche Werk der Rückschau und des Abschieds Anfang 1941 in Philadelphia zur Uraufführung.
Dmitrij Schostakowitsch (1906-1975)
Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47 (1937)
Schostakowitsch erhielt früh privaten Musikunterricht und besuchte das Konservatorium in St. Petersburg, wo er Klavier und Komposition studierte. Noch währenddessen hatte er sensationellen Erfolg mit seiner ersten Sinfonie. Eine viel versprechende Pianistenkarriere begann. Während der vorstalinistischen Jahre bis ca. 1930 lernte er die vorherrschenden westlichen Stile, aber auch die modischen Strömungen des Jazz und der Music-Halls, kennen. Von 1937 bis 1957 lehrte er an den Konservatorien in Leningrad und Moskau. 1935/36 wurde er erstmals durch das Zentralkomitee gemaßregelt. Der Vorwurf war der eines abstrakten Rationalismus, und Schostakowitsch wurde zu den massenwirksamen Grundsätzen des "Sozialistischen Realismus" ermahnt. 1940 wurde ihm dann wieder der Vorwurf übermäßiger Komplikation der musikalischen Sprache gemacht. Doch bereits 1941 erhielt er einen ersten Stalinpreis für seine siebte Sinfonie. Neue Angriffe folgten, als seine Opernkonzeption ins Schussfeld der Parteikritik geriet. Im gleichen Jahre rehabilitierte er sich mit dem Oratorium "Das Lied der Wälder". Dann nahm er eine Reihe von hohen offiziellen Ämtern wahr, was mit einem wesentlichen Einfluss auf das sowjetische Musikleben verbunden war. Er starb am 9. August 1975 in Moskau.
Nach seiner ersten Sinfonie in f-Moll op. 10 aus den Jahren 1924/25, die ungeachtet aller formalen Ausbrüche noch den sinfonischen Traditionen des 19. Jahrhunderts verpflichtet blieb, komponierte Schostakowitsch mit seiner zweiten und dritten Sinfonie in H-Dur op. 14 von 1927 und Es-Dur op. 20 von 1929 trotz ihres propagandistischen Inhaltes zwei eher "modernistische" Sinfonien, wobei er sich in seiner Tonsprache an Komponisten wie Bartók, Hindemith, Krenek und Strawinsky orientierte. Dabei entwickelte er einen Stil des - wie er später selbst formulierte - "abstrakten Experimentierens", der auf abgegrenzte Themen und ihrer Verarbeitung zugunsten von dicht gewebten Klangstrukturen verzichtete. Die folgende vierte Sinfonie in c-Moll op. 43 aus den Jahren 1935/36 kann als ein Übergangswerk zwischen diesen Experimenten und traditionellen sinfonischen Konzepten angesehen werden. Gerade in dieser Zeit war Schostakowitsch wegen seiner Oper "Lady Macbeth von Mzensk" in die Mühlen der stalinistischen Kulturkritik geraten, und so bezeichnete er selbst die 1937 entstandene fünfte Sinfonie als "die schöpferische Antwort eines sowjetischen Künstlers auf eine berechtigte Kritik".
Äußerliche Anpassung an die ästhetischen Normen des sozialistischen Realismus einerseits, innerer Widerstand gegen die aufgezwungene "Läuterung" andererseits - beide Momente prägen dieses Werk. Die Idee dieser Sinfonie ist "Das Werden der Persönlichkeit" (Schostakowitsch). Gegenüber den vorangegangenen Sinfonien wird die Struktur reduziert und vereinfacht. In seiner Tonsprache greift Schostakowitsch verstärkt wieder auf spätromantische Elemente zurück. Aber wie bei Mahler wird vieles doppelbödig. Schon das Hauptthema des ersten Satzes ("Moderato") erscheint als eine seltsame Mischung von kraftvollem Aufbäumen und nachlassender Energie. Mit dem Beginn der Durchführung wird das Tempo beschleunigt, und während die Atmosphäre beunruhigender wird, werden Fragmente melodischer Motive von ganz anderem Grundcharakter eingestreut. Die Durchführung verknüpft diese heterogenen Elemente schließlich zu einem grotesken Marsch auf dem Höhepunkt des Satzes. Doch dann nimmt sich die Musik selbst zurück, knüpft erneut beim Material der Einleitung an und kommt - scheinbar - zur Ruhe. Der zweite Satz ("Allegretto") klingt vor allem schrill. Er stellt ein ironisches Scherzo dar, dessen Trio mit einem burlesken Geigensolo und den begleitenden primitiven Harmonien die zerrissene Stimmung des Hauptteils noch verstärkt. Auch im dritten Satz ("Largo") setzt sich diese Doppelbödigkeit fort. Die ungewöhnlich gedehnte Melodieführung des kammermusikalisch instrumentierten Satzes erzeugt eine Stimmung der Melancholie. Doch der Satz endet mit einer Flageolett-Melodie in der Harfe, die von einer Celesta verdoppelt wird. Und dann produzieren Klavier, Xylophon, hohe Streicher und Piccoloflöte durchdringende Klänge, die an die früheren "modernistischen" Klangexperimente des Komponisten erinnern. Der wilde Finalsatz ("Allegro non troppo") ist von den offiziellen Kritikern als Apotheose apostrophiert worden. Doch im Schmetternden dieser Musik schwingt von der groben Instrumentierung des Hauptthemas am Beginn dieses Finales bis zu seinem D-Dur-Schluss immer das Moment des Erzwungenen mit. Immerhin gelang es Schostakowitsch mit dieser Sinfonie, die Kritik für eine Weile zum Schweigen zu bringen. Die offizielle Kunstkritik der Sowjetunion hörte aus diesem Werk den erwünschten Triumph und den erwarteten Optimismus heraus. Gegen Ende seines Lebens hielt der Komponist dieser Deutung seine eigene Interpretation entgegen: "Ich denke, jedem muß klar sein, was in der Fünften passiert [ ... ] es ist, als schlage jemand mit dem Stock auf dich ein und sage dabei: 'Deine Aufgabe ist Jubeln, deine Aufgabe ist Jubeln' und du stehst und wandelst, zitternd und murmelnd: 'Unsere Aufgabe ist Jubeln, unsere Aufgabe ist Jubeln."
Genre:
Konzert
Spielstätte
Bischofsgartenstraße 1
50667 Köln
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Tickets & Termine
April 2027
Bundesjugendorchester
Konzert | Rachmaninow & Schostakowitsch
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