Klassik-Dates nach Wahl
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mit einem Libretto von Hans Magnus Enzensberger nach Motiven aus Miguel
Barnets Der Gesang der Rachel (Canción de Rachel)
Kammerfassung (La piccola Cubana): nach Entwürfen Hans Werner Henzes von
Jobst Liebrecht eingerichtet, 2019 abgeschlossen; szenische Uraufführung 2022.
Personen der Handlung
Rachel, ehemals gefeierter Varietéstar in Havanna.
Lucile / Rosita Zwei Frauenfiguren aus Rachels Umfeld, die unterschiedliche Stationen ihres Künstlerlebens und ihrer Beziehungen spiegeln.
Rezensent / Eusebio / Yarini / Paco / Alberto / Federico
Ein Sänger übernimmt mehrere männliche Rollen. Die Figuren repräsentieren Bewunderer, Liebhaber, Künstler, Gangster und Weggefährten Rachels und zeichnen das gesellschaftliche Panorama des alten Havanna.
Fernrohrvermieter / Stelzenläufer / Don Alfonso / Senator / Theaterdirektor
Auch diese Rollen werden von einem Sänger verkörpert. Sie stehen für Autoritäten, Schausteller und Vertreter der Öffentlichkeit, die Rachel im Laufe ihres Lebens begegnen.
Eine Erzählerin
Handlung
La piccola Cubana erzählt die Lebensgeschichte der alternden Varietékünstlerin Rachel. Aus der Perspektive der Nachkriegszeit erinnert sie sich an ihre Karriere auf den Bühnen Havannas, an Liebesbeziehungen, politische Umbrüche und den Wandel einer Gesellschaft, die sich zwischen Unterhaltung, Korruption und
Revolution bewegt. Aus den Erinnerungen entsteht kein geradliniges Drama, sondern eine Folge von fünf Tableaus, in denen Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Theaterillusion ineinander übergehen. Rachel erlebt den Glanz der Revue ebenso wie deren Niedergang. Präsidenten kommen und gehen, soziale Krisen erschüttern das Land, doch lange scheint sie all dies kaum wahrzunehmen. Erst als sich mit der Revolution auch die gesellschaftliche Rolle der Unterhaltungskunst verändert, verliert sie ihre Bühne und damit den Mittelpunkt ihres Lebens. Die Oper erzählt deshalb nicht nur die Geschichte einer einzelnen Künstlerin, sondern stellt die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft sowie nach der Verantwortung des Künstlers gegenüber seiner Zeit. Rachel bleibt dabei eine widersprüchliche Figur: selbstbewusst, eitel, verletzlich und kompromisslos zugleich.
Entstehung und Wirkung
Hans Werner Henze entwickelte La Cubana gemeinsam mit Hans Magnus Enzensberger Anfang der 1970er Jahre. Ausgangspunkt war Miguel Barnets dokumentarischer Roman Der Gesang der Rachel, der auf Gesprächen mit einer ehemaligen kubanischen Varietékünstlerin basiert. Henze hatte Kuba wenige Jahre nach der Revolution bereist und war zunächst von den politischen und kulturellen Entwicklungen fasziniert. Nach seiner Rückkehr entstand jedoch ein deutlich differenzierteres Bild, das sich auch im Werk widerspiegelt. Die Oper verzichtet auf politische Eindeutigkeit und zeichnet stattdessen ein vielschichtiges Bild von Kunst, Macht und persönlicher Erinnerung. Die zunächst als Fernsehoper konzipierte Fassung wurde 1975 am Münchner Gärtnerplatztheater als große Bühnenproduktion uraufgeführt. Entgegen den Erwartungen blieb der Erfolg aus. Sowohl Henze als auch Enzensberger äußerten sich später selbstkritisch über diese erste Bühnenfassung. Henze schrieb in seiner Autobiographie, ihm sei die Komposition ungewöhnlich schwer gefallen; Enzensberger nahm das Werk später in seine Sammlung der „Lieblings-Flops“ auf. Dennoch ließ Henze der Stoff nicht los. Er war überzeugt, dass die eigentliche Qualität des Werkes weniger in einer aufwendigen Großproduktion als vielmehr in einer konzentrierten Ensemblefassung liege. Anfang der 1990er Jahre überarbeitete er gemeinsam mit Enzensberger das Libretto und entwickelte eine kammermusikalische Besetzung mit wenigen Sängerinnen und Sängern sowie einem kleinen Instrumentalensemble. Diese Neufassung konnte Henze jedoch nicht mehr vollenden. Erst der Dirigent und Henze-Mitarbeiter Jobst Liebrecht rekonstruierte das Werk anhand der hinterlassenen Skizzen und Partituren. So entstand La piccola Cubana, die Henzes ursprünglicher Vorstellung eines beweglichen, unmittelbaren Musiktheaters besonders nahekommt.
Der Komponist und seine Musik
Hans Werner Henze gehört zu den prägenden Opernkomponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Werk verbindet die musikalische Moderne mit einer außergewöhnlichen stilistischen Offenheit. Während viele seiner Zeitgenossen auf eine streng serielle Tonsprache setzten, entwickelte Henze einen unverwechselbaren Personalstil, der Einflüsse aus Oper, Jazz, Tanzmusik und außereuropäischen Musikkulturen selbstverständlich miteinander verbindet. Literatur spielte dabei stets eine zentrale Rolle; zahlreiche seiner Bühnenwerke entstanden in Zusammenarbeit mit bedeutenden Autoren wie Ingeborg Bachmann, W. H. Auden oder Hans Magnus Enzensberger. La piccola Cubana nimmt innerhalb seines Schaffens eine Sonderstellung ein. Kaum ein anderes Werk Henzes greift so selbstverständlich auf musikalische Formen der Unterhaltung zurück. Walzer, Tango, Rumba, Charleston, Ragtime, Chanson und Couplet stehen neben einer modernen, präzise gearbeiteten Tonsprache. Diese Stilvielfalt dient jedoch nie bloß der Kolorierung. Vielmehr werden vertraute musikalische Muster zitiert, verfremdet und ironisch gebrochen. Unterhaltung wird zur Reflexion über Unterhaltung. Gerade in der Kammerfassung tritt diese kompositorische Raffinesse besonders deutlich hervor. Das Ensemble bewegt sich zwischen Salonorchester, Varietékapelle und Ensemble für Neue Musik. Musikerinnen und Musiker werden selbst zu Akteuren des Bühnengeschehens – ganz im Sinne von Henzes Vorstellung eines Musiktheaters, in dem Szene und Musik untrennbar miteinander verbunden sind. Die Musik kommentiert das Geschehen ebenso wie sie es trägt; sie schafft Distanz und Anteilnahme zugleich. Hinter der schillernden Oberfläche entfaltet sich so ein ebenso intelligentes wie ironisches Musiktheater, das bis heute eine außergewöhnliche Stellung im Opernrepertoire einnimmt
Genre:
Oper
Oper | Hans Werner Henze (1926–2012)
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Oper | Hans Werner Henze (1926–2012)
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