Inhalt
Maria Dueñas, Violine
Andrés Orozco-Estrada, Dirigent
Johannes Brahms (1833 - 1897)
Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 77
Johannes Brahms wurde in Hamburg geboren und erhielt seinen ersten Musikunterricht von seinem Vater, der als vielseitiger Musiker in der Stadt arbeitete. Schon früh verdiente Brahms eigenes Geld, indem er Klavierunterricht gab, Tanzmusik bearbeitete und in Theatern spielte. Der große Wendepunkt kam 1853, als Robert Schumann den jungen, damals noch kaum bekannten Komponisten in einem begeisterten Artikel vorstellte und ihn als außergewöhnliches Talent pries. Diese Unterstützung öffnete Brahms viele Türen.In den folgenden Jahren lernte er wichtige Musiker seiner Zeit kennen – darunter den Geiger Joseph Joachim, Clara und Robert Schumann, Franz Liszt und den Dirigenten Hans von Bülow. Diese Begegnungen prägten sein Schaffen und machten ihn zunehmend bekannt. Nach einer Zeit als Hofmusikdirektor in Detmold zog Brahms 1864 nach Wien, wo er sich dauerhaft niederließ und sich vor allem dem Komponieren widmete. Obwohl er oft als Vertreter einer „konservativen“ Richtung dargestellt wurde, hielt er sich aus den musikalischen Streitigkeiten seiner Zeit weitgehend heraus. Bis ins hohe Alter beschäftigte er sich intensiv mit der Musikgeschichte und blieb gleichzeitig offen für neue Entwicklungen. Sein Werk umfasst Sinfonien, Kammermusik in vielen Besetzungen sowie zahlreiche Vokalwerke. Das Violinkonzert entstand 1874 in Wien und 1877/78 in Pörtschach. Brahms schrieb es auf Anregung seines Freundes Joseph Joachim, der das Werk auch am 1. Januar 1879 im Leipziger Gewandhaus unter der Leitung des Komponisten uraufführte.
Der erste Satz (Allegro ma non troppo) beginnt mit einem warmen, ruhigen Thema im Orchester. Nachdem das Seitenthema erklungen ist, tritt die Solovioline ein und führt mit verzierten Linien in die eigentliche Soloexposition. Dort stellt sie ein zweites, zuvor nur angedeutetes Thema in A-Dur vor. Die Durchführung konzentriert sich auf Motive des Hauptthemas, bevor die Reprise im vollen Orchester einsetzt. Nach der heute meist gespielten Kadenz Joachims kehrt das Hauptthema leise zurück, und der Satz endet kraftvoll. Der zweite Satz (Adagio) steht in F-Dur. Eine schlichte Oboenmelodie eröffnet den Satz, die die Solovioline übernimmt und kunstvoll ausschmückt. Ein kontrastierender Mittelteil folgt, bevor eine verkürzte, auf die Violine konzentrierte Rückkehr des Anfangs den Satz beschließt. Der Finalsatz (Allegro giocoso, ma non troppo vivace) ist als Rondo gestaltet und erinnert in seinem Charakter an ungarische Volksmusik – ein Stil, den Brahms und Joachim besonders schätzten. Die Solovioline stellt das Hauptthema vor, das vom Orchester aufgegriffen wird. Ein lyrischer Abschnitt im 3/4-Takt bildet einen Kontrast. Danach kehren die vorherigen Teile in leicht veränderter Form zurück, bevor eine schnelle Coda das Konzert schwungvoll beendet.
Spieldauer: ca. 40 Min.
Thomas Adès
Overture to The Tempest
2004
Thomas Adès, 1971 in London geboren, gilt heute als einer der originellsten und einflussreichsten englischen Komponisten seiner Generation. Schon früh zeigte er ein außergewöhnliches musikalisches Talent und studierte Klavier und Komposition an der renommierten Guildhall School of Music sowie am King’s College in Cambridge. Adès gehört zu den seltenen Komponisten unserer Zeit, deren Musik zugleich Fachleute wie auch ein breites Publikum begeistert. Das ist bemerkenswert, denn seine Werke sind alles andere als leicht konsumierbar. Sie verlangen höchste Konzentration, treiben klangliche und dynamische Extreme aus und stellen Musiker wie Zuhörer vor große Herausforderungen. Adès verbindet dabei auf einzigartige Weise Tradition und Innovation: Er greift immer wieder auf musikalische Vergangenheit zurück, ohne je rückwärtsgewandt zu sein. Beides – das Alte und das Neue – steht in seiner Musik gleichberechtigt nebeneinander und befeuert sich gegenseitig. Mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter ein Grammy, hat Adès sich längst als feste Größe der zeitgenössischen Musik etabliert. Die Ouvertüre zu "The Tempest", op. 22a (2004) ist eine atemberaubende, stürmische Orchestereinleitung, die ursprünglich den Auftakt zu Adès gleichnamiger Oper nach einem Text von Shakespeare bildete. Sie porträtiert musikalisch den namensgebenden, gewaltigen Meersturm. Um diese massiven Klangwände zu erzeugen, fordert die Partitur ein außergewöhnlich großes Orchester, welches über das klassische sinfonische Format hinausgeht, z. B. Peitschen und Blechtafeln.
Spieldauer: ca. 3 Min.
Igor Strawinsky
Le sacre du printemps
1913
Igor Strawinsky wurde in Oranienbaum bei Petersburg geboren und wuchs in einem musikalischen Elternhaus auf. Obwohl Strawinsky zunächst Jura studierte, zog es ihn bald ganz zur Musik. Er nahm Kompositionsunterricht und wurde schließlich Privatschüler von Nikolaj Rimskij-Korsakow. In dieser Zeit veröffentlichte er erste Werke und bewegte sich in einem Kreis junger Petersburger Künstler, der eng mit Serge Diaghilew verbunden war. iaghilew, ein charismatischer Kunstunternehmer und Gründer der legendären „Ballets Russes“ , war einer der einflussreichsten Kulturvermittler seiner Zeit. Er erkannte Strawinskys Talent
früh und machte ihn in Westeuropa bekannt. Für Diaghilews Ensemble schrieb Strawinsky innerhalb weniger Jahre drei bahnbrechende Ballette: „Der Feuervogel“ (1910), „Petruschka“ (1911) und schließlich „Le sacre du printemps“, dessen Uraufführung am 29. Mai 1913 in Paris einen der berühmtesten Skandale
der Musikgeschichte auslöste. Mit ihrer Mischung aus scharfen Dissonanzen, rhythmischer Wucht und grell leuchtender Orchestrierung machten diese Werke Strawinsky zum führenden jungen Komponisten der musikalischen Moderne – und bereiteten den Boden für jenes Werk, das die Musikwelt erschüttern sollte: Le sacre du printemps. Mit „Le sacre“ brach Strawinsky 1913 mit voller Wucht in die Welt der Musik und des Tanzes ein. Die Uraufführung in Paris endete in einem der größten Skandale der Musikgeschichte – ein Zeichen dafür, wie radikal neu diese Musik damals wirkte. Bis heute fasziniert das Werk durch seine ungeheure Energie, seine kompromisslose rhythmische Kraft und die überraschende Poesie seiner Klangfarben. Die ständig wechselnden Metren und die extreme Präzision, die Strawinsky verlangt, machen das Stück für jedes Orchester zu einer Herausforderung von höchster Virtuosität. Die Idee zu diesem „Frühlingsopfer“ hatte Strawinsky schon während der Arbeit am Feuervogel: die Vision einer heidnischen Feier, bei der weise Älteste dem Opfertanz eines jungen Mädchens zusehen, das den Frühlingsgott besänftigen soll. 1911 reiste Strawinsky nach Russland, sammelte Volksliedmaterial und entwickelte gemeinsam mit dem Maler und
Bühnenbildner Nicholas Roerich das Szenario eines archaischen Frühlingsrituals. Das Ballett gliedert sich in zwei Teile. In der „Anbetung der Erde“ bereiten verschiedene Stämme das Opfer vor; rivalisierende Spiele und rituelle Tänze bestimmen das Geschehen. Erst im zweiten Teil, „Das Opfer“, rückt das Schicksal der auserwählten Jungfrau in den Mittelpunkt, die sich nach einem Ahnenritual zu Tode tanzt. Strawinsky selbst beschrieb das Werk als musikalisches Bild der „leuchtenden Auferstehung der Natur“ – einer Natur, die mit elementarer Gewalt zu neuem Leben erwacht.
Spieldauer: ca. 35 Min
Genre:
Konzert