Gürzenich-Orchester am Montag
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Andrés Orozco-Estrada, Dirigent
Gustav Mahler (1860-1911)
Sinfonie Nr. 6 a-Moll »Tragische«
Mahler hat seine 1903/ 04 in Wien und Maiernigg entstandene 6. Sinfonie die "Tragische" genannt. Im Nachhinein erscheint sie als eine Vorahnung der Katastrophen, die ein Jahr nach der Uraufführung, 1907, über ihn hereinbrechen sollten: das Ende seiner Stellung als Hofoperndirigent, die Diagnose eines Herzleidens und der Tod seiner geliebten Tochter Anna. In der Rigorosität, mit der das Sonatenschema respektiert wird, mit der noch über die 5. Sinfonie hinausgehenden Dichte der Strukturen und der niederschmetternden Gewalt des Finales mit seinen zwei Hammerschlägen (daher auch die Programmauswahl des heutigen Konzertes, siehe Sinfonie "mit dem Paukenschlag") steht das Werk in Mahlers Œuvre isoliert. Auch die Orchesterbesetzung geht über alles bisher Geforderte hinaus. Die Rigorosität und Härte des Musiksprachlichen stellen ungewöhnliche Ansprüche an den Hörer. Vielfach wird das Werk auch als Mahlers persönlichstes angesehen.
Die Exposition des 1. Satzes, die nach klassischem Muster wiederholt werden soll, gehört zu den formal gedrängtesten Gebilden Mahlers. Ein energischer Marschrhythmus bestimmt das Geschehen. Dem punktierten Hauptthema mit seinen Oktavstürzen folgt in den Holzbläsern eine choralartige Überleitungsgruppe, die von einem als "Motto" für die ganze Sinfonie wichtigen Trompeten-Dreiklang eröffnet wird. Das mit "schwungvoll" bezeichnete Seitenthema will, nach Mahlers Worten, ein musikalisches Portrait seiner Frau Alma sein. Der große Durchführungsteil wird zunächst von dem Marsch geprägt, ehe das Seitenthema und der Choral eine geheimnisvolle, von Klängen der Celesta und der Herdenglocken getönte Pianissimo-Episode einleiten. Die weitere Entwicklung wird jedoch "immer streng im Takt" vom Marsch bestimmt, der in die Reprise übergeht. Der Schluss wird vom schwungvollen Seitenthema beherrscht, das den ungemein kompakten Satz in niederstampfendem Unisono beschließt.
Die beiden Mittelsätze, Scherzo und Andante, tragen angesichts der Ausdruckswucht und architektonischen Größe der Außensätze fast den Charakter des Episodischen. Das Scherzo wandelt das aus dem Marschthema gewonnene Material phantasievoll-skurril ab, wuchtige Passagen wechseln dabei mit tänzerischen. Das Andante exponiert eine weitschwingende, ausdrucksvolle Violinweise, die mehr und mehr vom Auf und Ab eines wogenden Espressivo zersetzt wird und in ihrer Ursprungsgestalt kein zweites Mal mehr erscheint. Dem ruhigen Ausklang antwortet mit hereinbrechender Vehemenz die sehr breite Introduktion des Finalsatzes, des bedeutendsten, den Mahler je komponiert hat. Neben dem Dur-Moll-Motto gewinnt ein punktiertes Sekund-Motiv, die Keimzelle des gesamten Satzes, entscheidende Bedeutung. Ein düsterer, marschartiger Choral treibt die Entwicklung weiter, ehe Allegro energico das von dem Sekund-Motiv geprägte Sonaten-Hauptthema eintritt. Wiederum ist der voranstürmende Marschrhythmus bestimmend. Ein vom Horn angestimmtes, von der Klarinette fortgeführtes Seitenthema ändert an dieser Bewegung nichts. Eine Entwicklungssteigerung ungeheuren Ausmaßes wird schließlich von einem dröhnenden Hammerschlag abgebrochen: die Durchführung beginnt. Ein sinfonisch-dramatischer Kampf von "positiven" Dur- und "negativen" Moll-Elementen hebt an, wie es ihn in dieser motivischen Dichte und wilden Ausdrucks-Übersteigerungen kein zweites Mal bei Mahler gibt. Die nahende Erfüllung wird durch den zweiten Hammerschlag, der zugleich den Eintritt der Reprise markiert, zermalmt. Einen ursprünglichen dritten Hammerschlag hat Mahler nach der Uraufführung gestrichen. Die Düsternis der Introduktion, als Coda wiederkehrend, besiegelt endgültig den Zusammenbruch mit dem punktierten Sekund-Motiv.
Die 6. Sinfonie Mahlers ist ein extremes Werk, die bestürzende Intensität des Ausdrucks und die komplexe Dichte der Satzstruktur werden von keiner anderen seiner Sinfonien übertroffen. Zugleich ist sie das Werk, in dem der traditionelle Typus der Gattung am strengsten bewahrt wurde. Von nicht wenigen Interpreten als Zentrum des gesamten Mahlerschen Œuvre bezeichnet (Alban Berg nannte sie die einzige Sechste trotz der "Pastorale"), hat sie damals der Rezeption die größten Schwierigkeiten bereitet. Heute gilt sie als eines der Zentralmassive in der sinfonischen Landschaft.
Genre:
Konzert
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