Spannender Rossini zum Abschied vom Staatenhaus
Tancredi | Oper Köln
Gioachino Rossinis Tancredi verabschiedet die Oper Köln mit einer bemerkenswerten Produktion aus dem Staatenhaus. Bevor das Haus zur kommenden Spielzeit an den Offenbachplatz zurückkehrt, setzt man nicht auf einen populären Repertoireklassiker, sondern auf ein selten gespieltes Frühwerk des Komponisten. Die 1813 uraufgeführte Oper markierte den ersten großen Erfolg des erst 21-jährigen Rossini und lässt bereits jene melodische Erfindungskraft erkennen, die ihn später berühmt machen sollte. Für Köln wurde die bei den Bregenzer Festspielen entstandene Inszenierung von Jan Philipp Gloger übernommen – ein echter Glücksfall. Gloger verlegt die Handlung aus dem mittelalterlichen Syrakus in das Milieu rivalisierender Drogenclans einer süditalienisch anmutenden Großstadt und deutet die Beziehung zwischen Tancredi und Amenaide als Liebesgeschichte zweier Frauen. Was auf dem Papier nach gewagtem Regietheater klingt, erweist sich auf der Bühne als schlüssige, psychologisch präzise und emotional packende Interpretation. Unterstützt wird dies durch Ben Baurs raffinierte Drehbühne, die mit ihren ständig wechselnden Räumen für große Dynamik sorgt.
Musikalisch erreicht der Abend außergewöhnliches Niveau. Adriana Bastidas-Gamboa überzeugt in der Titelpartie mit kraftvollem, ausdrucksstarkem Mezzosopran, während Giuliana Gianfaldoni als Amenaide mit leuchtender Stimme und betörenden Pianissimi für die größten Begeisterungsstürme sorgt. Auch Dmitry Ivanchey, Gabriele Sagona, Johanna Thomsen und Wesley Harrison fügen sich nahtlos in das starke Ensemble ein. Am Pult des Gürzenich-Orchesters erweist sich George Petrou als idealer Rossini-Interpret. Mit stilistischer Sicherheit, feinem Gespür für die Farben der Partitur und lebendigen Tempi entfaltet er die ganze Eleganz und Virtuosität der Musik. Der lang anhaltende Jubel des Publikums am Ende bestätigt den Eindruck: Diese klug durchdachte und musikalisch herausragende Produktion erweist Rossinis Tancredi einen großen Dienst und bildet einen würdigen Abschied vom Staatenhaus.
Sebastian Jacobs
Mittwoch, 24. Juni 2026 | Kritiken
Juli 2026
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